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Von Geburt an blind zu sein oder das Augenlicht zu verlieren, ist für die meisten von uns ein furchterregender und nur schwer vorstellbarer Gedanke. Viele erblindete Menschen finden Trost und Unterstützung in sogenannten Blindenführhunden. Blindenführhunde durchlaufen eine spezielle Ausbildung, um sehbehinderten Menschen als Assistenzhunde dabei zu helfen, den Alltag gefahrlos und selbstständig bewältigen zu können. Nicht nur als vierbeinige Unterstützer im Alltag, sondern auch als feste Familienmitglieder und Freunde, bereichern die Hunde das Leben von vielen sehbehinderten Menschen. Um diesen erstaunlichen Tieren Respekt zu zollen, habe ich anlässlich des internationalen Tag des Blindenhundes, das Vergnügen gehabt, mit Eva Rehm sprechen zu dürfen. Frau Rehm bildet seit 1998, also bereits seit 19 Jahren, Blindenführhunde in der Kleinstadt Abensberg in Bayern aus.BlindenhundeB

Sara: Frau Rehm, wie kamen Sie zu diesem außergewöhnlichen Beruf?

Frau Rehm: Auf die Idee, Blindenführhunde auszubilden, kam ich einerseits natürlich durch die Liebe zum Hund, aber insbesondere auch durch die Liebe zum Menschen. Die intensive Zusammenarbeit mit Mensch und Tier in immer wieder herausfordernden und neuen Situationen erfordert nicht nur Tierliebe, sondern auch, dass man Menschen gern hat und Freude daran hat, Ihnen zu helfen – das ist dabei mindestens genauso wichtig!

Sara: Woher kommen die Blindenführhunde, die Sie ausbilden?

Frau Rehm: Die Hunde, die später von mir als Blindenführhunde ausgebildet werden, züchte ich selbst und ziehe sie ein Jahr lang bei mir zuhause im Haus als Familienhunde auf. Das erste Jahr ist für die jungen Hunde nämlich besonders wichtig, da es ein Prägungs- und Sozialisierungsjahr ist. Die Hunde lernen dann bereits, aus dem Freilauf auf Kommando zu mir zu kommen, sich in jeder Situation zu benehmen und keine Angst zu haben in den unterschiedlichsten Situationen. Durch den intensiven Kontakt mit den Tieren kann ich so auch feststellen, welche Tiere am besten für eine Ausbildung zum Blindenführhund geeignet sind. Nicht jeder Hund eignet sich nämlich für diese besondere Laufbahn.

Sara: Welche Rassen eignen sich für die Laufbahn eines Blindenführhundes?

Frau Rehm: Ein Blindenführhund muss einen ausgeglichenen Charakter vorweisen, friedlich sein, gerne arbeiten und bereitwillig lernen. Es sind nicht alle Rassen für die Laufbahn eines Blindenführhundes geeignet. Früher wurden beispielsweise fast ausschließlich Schäferhunde als Blindenführhunde ausgebildet – diese Rasse ist heute zu stark überzüchtet, was häufig Gesundheitsprobleme mit sich bringt. Auch der stark ausgeprägte Beschützerinstinkt bei Schäferhunden ist nicht optimal für einen Blindenführhund, da dieser Wesenszug sich manchmal zu aggressiv äußert, um dem sehbehinderten Menschen in bestimmten Alltagssituationen angemessen helfen zu können. Labradore eignen sich prinzipiell vom Wesen her gut, sind aber leider häufig zu verfressen und mittlerweile auch häufig überzüchtet. Ich züchte daher vorwiegend Mischlinge, z.B. sogenannte Labradoodle, die die lobenswertesten Eigenschaften von Pudel und Labrador vereinen und hervorragende Blindenführhunde sind.

Sara: Wie läuft die Ausbildung eines Blindenführhundes ungefähr bei Ihnen ab?

Frau Rehm: Nachdem ich festgestellt habe, welche Junghunde ich als Blindenführhunde ausbilden möchte, werden die Tiere auf Herz und Nieren beim Tierarzt untersucht, denn Blindenhunde müssen kerngesund sein. Wenn die Hunde gesund sind, stellen sich die interessierten Blinden bei mir vor und ich suche die Menschen persönlich aus, denen ich meine Hunde anvertrauen möchte. Danach schaue ich, welches Tier am besten zu dem Menschen passt. Wenn ich ein harmonisches Team aus Hund und Mensch ausmachen konnte, beginnt die Ausbildung am Führgeschirr. Die Ausbildung erfolgt in zwei Teilen und dauert insgesamt drei Wochen. Der erste Teil findet eine Woche lang bei mir am Hof statt. Dort habe ich ein Gästehaus, wo der Hund mit seinem neuen Herrchen wohnt und ich beiden dabei helfe, im Haus gemeinsam zurechtzukommen und sich aneinander zu gewöhnen. Hier lernt der Blinde auch, wie er seinen Hund zu versorgen hat. Der zweite Teil findet am Wohnort des Blinden statt. Dort gehe ich gemeinsam mit Hund und Mensch die alltäglichen Wege ab, damit der Hund die Wege kennenlernt und sein Herrchen fortan sicher von A nach B geleiten kann. Hierbei werden auch die regelmäßigen Anlaufstellen wie z.B. Briefkästen, Zebrastreifen und öffentliche Verkehrsmittel kennengelernt.

Sara: Welche Anforderungen müssen sehbehinderte Menschen erfüllen, damit Sie Ihnen einen Ihrer Hunde anvertrauen?

Frau Rehm: Die Halter von Blindenführhunden sollten natürlich tierlieb sein, genauso wichtig ist aber auch ein gutes Einfühlungsvermögen in das Tier. Das ist nicht immer selbstverständlich. Der Hund muss artgerecht ausgelastet werden und es kann auch mal etwas schiefgehen – das muss der Halter verstehen. Der Blinde muss dann Geduld und Konsequenz im Alltag und bei den Übungen aufbringen und darf nie vergessen, dass es sich anders als bei einem Rollstuhl, um ein lebendiges, fühlendes Tier handelt.

Sara: Was kann ein Blindenführhund überhaupt alles?

Frau Rehm: Blindenführhunde beherrschen etwa 40 Kommandos. Diese helfen dem Blinden dabei, den Alltag normal bewältigen zu können, selbstständig zu agieren und Gefahren aus dem Weg zu gehen. Das Kommando “Voran!” bedeutet für den Hund loszulaufen, “Rüber!” weist den Hund an, eine Straße zu überqueren, “Links!” und “Rechts!” erklären sich von selbst und an Bordsteinen oder Abgründen bleibt der Hund stehen, Hindernisse umläuft er. Das spezielle Führgeschirr ermöglicht dem Blinden, anders als bei herkömmlichen Leinen, genau zu spüren, wie sich der Hund bewegt und stellt eine direkte Verbindung zwischen Mensch und Hund her. Beim Kommando “Such Zebra!” sucht der Hund nicht etwa eines der afrikanischen Huftiere, sondern bringt den Besitzer zum nächsten Zebrastreifen. “Box” veranlasst den Hund dazu, den nächsten Briefkasten anzuzeigen. Auch freie Sitzplätze im Bus oder der Bahn kann der Hund erkennen. Die Kommandos sind vielfältig und dem Blinden sind viele Möglichkeiten geboten, die er ohne den Hund nicht hätte.

Sara: Wie ist das mit der Läufigkeit? Hat sich ein Blindenführhund dann noch unter Kontrolle?

Frau Rehm: Sowohl Rüden als auch Hündinnen werden als Blindenhunde ausgebildet. Die Rüden könnten sich verständlicherweise nicht zurückhalten, wenn sie eine läufige Hündin riechen und auch eine Hündin ist in ihrer “heißen Phase” nicht zurückzuhalten. Die Krankenkasse schreibt deshalb vor, dass Blindenführhunde kastriert werden müssen. Aus diesem Grund werden auch meine Hunde bei der tierärztlichen Kontrolluntersuchung kastriert – eine andere Lösung gibt es hier nicht.

Sara: Wie teuer ist ein Blindenführhund in der Anschaffung?

Frau Rehm: Die meisten Blinden, die sich für einen Blindenführhund entscheiden, haben auch einen Anspruch auf ein solches “Hilfsmittel”, wie die Tiere im Hilfskatalog der Krankenkasse genannt werden. Die Krankenkasse kommt dann für die Kosten des Blindenführhundes auf. Solche Voraussetzungen für einen Blindenführhund sind z.B. eine gewisse Mobilität vorzuweisen und sehtechnisch so eingeschränkt zu sein, dass der Hund wirklich benötigt wird. Die Kosten der Anschaffung eines Blindenführhundes belaufen sich auf etwa 20.000 – 25.000 Euro. Das klingt natürlich erstmal teuer, aber dieser Betrag deckt meine Vorfinanzierung von der Versorgung aller Hunde, die bisherigen Tierarztbesuche und auch die Versorgung der Welpen, die sich letztlich nicht zur Ausbildung qualifiziert haben, die Unterbringung bei mir im Haus und letztlich auch die Ausbildung und Betreuung über drei Wochen.

Sara: Kann ein Blindenführhund seine Fähigkeiten verlernen?

Frau Rehm: Blindenführhunde müssen stetig weiterlernen, der Tierhalter muss konsequent sein, wenn einmal etwas schief geht und die Hunde müssen motiviert werden. Wenn es mal zu Fehlern kommt, müssen diese korrigiert werden und ganz in Ruhe wiederholt werden.

Sara: Sie bilden nun seit mittlerweile fast 30 Jahren Blindenführhunde sehr erfolgreich aus. Was motiviert Sie jeden Tag zu dieser anspruchsvollen Tätigkeit und wie lange möchten Sie noch als Blindenführhund-Ausbilderin arbeiten?
Frau Rehm: Zu sehen, wie aus einem Hund und einem Menschen ein Team wird, das durch dick und dünn geht und die große Bereicherung für die Blinden, die daraus resultiert, motivieren mich täglich dazu, diesen Beruf mit vollem Herz auszuüben und dabei zu sein. Auch die Lebensfreude, die die Hunde ausstrahlen und die immer neuen Herausforderungen, verschaffen mir viel Spaß und Freude an meiner Tätigkeit. Mein Beruf liegt mir gut und ich möchte ihn noch viele weitere Jahre ausüben.

Blindenhunde 2B

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