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Tiere sorgen für Harmonie und motivieren die Patienten

Marie übt die Farben und greift nach dem roten Dummy

Die Freude ist groß, als die neunjährige Marie das Therapiezimmer der Logopädin in Berlin-Zehlendorf betritt. Drei Labradore, die Hündinnen Käthe, Abeni und der Jungspund Madu, laufen ihr erwartungsvoll entgegen. Marie strahlt, streichelt die Tiere und wartet gespannt auf die erste Aufgabe, die es zu lösen gilt. Nicole Böll-Bartetzko greift deshalb gleich zur Dummy-Kiste und beginnt mit der sogenannten tiergestützten Therapie. Das bedeutet, die intelligenten und sensiblen Labradore assistieren ihr bei der Therapiearbeit.

Marie, die an Trisomie 21 (Down-Syndrom) erkrankt ist, hat Schwierigkeiten mit der sogenannten Lautanbahnung und bei der Erkennung von Farben. Das wird heute geübt. Mit den Dummys kommt ein eckiger Schaumstoffwürfel, der mehrere Farben aufweist, zum Einsatz. Die Hunde sitzen brav zum Abruf bereit. “Madu, komm”, ruft die Logopädin und gibt das Kommando gleich an Marie weiter. “Würfel, Madu”, befiehlt Marie mit freundlicher Stimme. Madu schubst mit der Nase den Würfel und hilft gleichzeitig mit den Pfoten nach.

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Labradorrüde Madu (links) hat die Farbe Rot gewürfelt

Dann bleibt der Würfel liegen. “Welche Farbe ist das?”, fragt Bartetzko. “Rot”, antwortet Marie, rollt das R noch einmal separat und greift nach dem roten Dummy. Sie wirft ihn einige Meter weit und ermuntert den wartenden Hund: “Apport, Madu”. Der Labrador stürzt sich auf den Dummy und bringt ihn Marie. “Fein”, lobt das Mädchen und gibt dem vierbeinigen Begleiter das verdiente Mini-Snack Känguru von Pets Deli. “Vorsichtig”, mahnt die Therapeutin und schaut mit aufforderndem Blick auf den Rüden, der daraufhin ganz behutsam seine Belohnung aus der Kinderhand entgegennimmt. Auch das will gelernt sein!

Die Ausbildung zum Assistenzhund dauert zwei Jahre

Madu, der gerade mal acht Monate alt ist, hat heute seinen ersten Einsatz mit Bravour bestanden. Er ist ein erfolgreiches Beispiel dafür, dass es die 56-jährige Logopädin wieder einmal geschafft hat, einen temperamentvollen Labrador, dieses Mal einen Rüden, als Therapie-Begleithund auszubilden. “Er ist ein Energiebündel und frisst mir zur Zeit die Haare vom Kopf”, lächelt Bartetzko zufrieden. Sie erklärt, dass die Ausbildung zum Assistenzhund im Durchschnitt zwei Jahre in Anspruch nimmt. Erst dann seien die Tiere abrufbar. Seit 13 Jahren arbeitet sie beruflich schon mit Hunden zusammen. Während dieser Zeit standen ihr insgesamt fünf Labradore treu zur Seite.

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Abeni und Marie (rechts) zeigen Madu, wie Hund würfelt

Dem schwarzen Labradorrüden macht es sichtlich Spaß, mit Marie zusammenzuarbeiten. Er gibt sein Bestes und ist ganz bei der Sache. Marie mag auch die elfjährige Käthe, ebenfalls schwarz, und die blonde, siebenjährige Abeni. Jedes der Tiere hat seine besonderen Stärken. Im Verbund sind sie unschlagbar. Warum drei Labradore? “Unsere routinierte Käthe hat sich langsam ihren Ruhestand verdient, die hochsensible Abeni ist in den besten Jahren und der agile Madu muss nun langsam in seine Aufgaben hineinwachsen”, so die Trainerin zum Dreigespann.

Wichtigste Grundlage: Vertrauen und absoluter Gehorsam

Die drei Vierbeiner sorgen für ein entspanntes “Betriebsklima”. Genau aus diesem Grund entschied sich die Logopädin mit diversen Zusatzausbildungen für diese Hunderasse. “Labradore, aber auch Golden Retriever, sind mir vom Wesen her die liebsten Hunde. Sie sind sehr lernfähig, unendlich geduldig und leicht zu führen.” Absoluter Gehorsam sei eine wichtige Voraussetzung für die gemeinsame Arbeit.

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Vertrautes Zwiegespräch zwischen Marie und Hündin Käthe

Marie, heute modisch in rosé gekleidet, erzählt währenddessen von ihrem Familienhund: “Sunny ist mein Freund. Er wartet zu Hause auf mich.” Das Mädchen strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie von den Tieren spricht. Ohne Hunde wäre das Leben halb so schön. Das hat Marie bereits herausgefunden. Als Motivator und vielleicht in gewisser Hinsicht auch als Mediator leisten die Vierbeiner exzellente Arbeit. Sie tragen zur harmonischen Zusammenarbeit zwischen Therapeutin und Patientin bei. Voraussetzung dafür wiederum ist ein vertrauensvolles und inniges Verhältnis zwischen Ausbilder und Therapie-Begleithund.

Der Grundstein dafür wird bereits bei den speziellen Züchtern gelegt. Sie richten die Erziehung der Welpen von Geburt an auf die spätere Aufgabe aus. Die Neugeborenen werden berührt und gestreichelt, an menschliche Stimmen, Gerüche und Geräusche gewöhnt. Das ist wichtig: Alle Dinge, die dem Welpen zwischen der dritten und 12. bis hin zur 16. Woche beigebracht werden, sind fest in seinem Gedächtnis verankert. Von diesen Erfahrungen, ob positiv oder negativ, profitiert der Hund in seinem weiteren Leben.

Die Vierbeiner müssen eine Eignungsprüfung ablegen

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Drei Labradore warten auf ihre wohlverdiente Belohnung

Auch Nicole Böll-Bartetzko verlässt sich auf das Urteil ihrer Züchter. Nach acht Wochen holt sie die Hunde ab und übernimmt die weitere soziale Prägung. So stehen Bahn- und Busfahrten an, Einkaufscenter werden besucht und gefährliche Autostraßen überquert. “Die Tiere sollten eine hohe Toleranzschwelle haben und sehr menschenbezogen sein”, betont die 56-Jährige ihr Erfolgsrezept. Dann gelingt nach ihrer Erfahrung auch die Zusammenführung und -arbeit mit den meist behinderten Menschen. “Wir haben das Glück, gemeinsam Hobby und Beruf unter einen Hut bringen zu dürfen”, so die Logopädin, “das macht mich und hoffentlich auch meine Hunde glücklich.” Allerdings ganz ohne Eignungsprüfung geht das auch nicht. Bartetzko stellt ihre Tiere, wenn sie soweit sind, bei der Akademie für Therapie- und Behinderten-Begleithunde in Kropp (Schleswig-Holstein) vor. Dort müssen die Hunde beweisen, dass sie ihr Handwerk oder besser “Pfotenwerk” verstehen.

Nach getaner Arbeit ist Abeni erschöpft und ruht sich aus

Nach bestandener Prüfung kann es dann losgehen mit der anstrengenden Therapiearbeit. Ja, die Labradore sind nach getaner Schicht erschöpft und strecken alle Viere von sich. Sie haben sich regelrecht ihren gemütlichen Feierabend, den sie meist auf ihrem weichen Lager neben oder unter dem Klavier in der guten Stube verbringen, verdient. “Ich achte sehr darauf, dass die Balance zwischen Spiel, Sport, Spaß und Arbeit nicht verloren geht”, betont die Logopädin, die auf eine fast 30-jährige Berufserfahrung zurückblicken kann. Keiner sollte Schaden nehmen, am allerwenigsten die Vierbeiner oder die Patienten.

Zurück zu Marie: Das liebenswerte Mädchen hat in den eineinhalb Jahren ihrer Therapie sehr viel dazugelernt. Sie besucht nebenher eine heilpädagogische Schule mit anthroposophischer Ausrichtung. “Ich bin sicher, dass Marie ein glücklicher Teenager wird und als Erwachsene in einem Wohnheim allein zurechtkommt”, wagt Nicole Böll-Bartetzko eine Prognose. Ganz sicher ist die Logopädin allerdings, dass ihre Assistenzhunde dann entscheidend dazu beigetragen haben, dass sie ein hilfsbedürftiges Kind in eine fast selbstständige Zukunft entlassen kann.

Ein schönes und zufriedenes Gefühl für das erfolgreiche Team und der Beweis dafür, dass Therapeut, Hund und Patient eine fruchtbare Symbiose bilden.

Fotos: Eric Birnbaum

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